Mit welchen Erwartungen besucht man ein Tanzstück, bei dem Menschen mit Behinderung teilnehmen? Soll man überhaupt von Behinderung sprechen, heißt es nicht Menschen mit besonderen Bedürfnissen? Doch hat nicht jeder Mensch seine eigenen Bedürfnisse? Vielleicht beginnt Inklusion genau dort, wo Individualität selbstverständlich wird und Unterschiede im gemeinsamen Schaffen in den Hintergrund treten.
Die vier zeitgenössischen Tanzstücke mit dem Titel „Correspondances“, die das Mierscher Theater anlässlich des Festivals „Inklusion in der Kultur“ auf die Bühne bringt, vereinen Profis aus der Tanzbranche mit Laientänzern, sowohl mit als auch ohne Beeinträchtigung. Es ist bereits die siebte inklusive Tanzproduktion im Programm des Mierscher Theaters. Seit 2007 gibt es das Ensemble blanContact, in dem Menschen mit besonderen Bedürfnissen bei professionellen Produktionen mitwirken.
Was Inklusion im Kulturbereich tatsächlich bedeutet, zeigt sich allerdings weniger bei der Premiere als während der Proben. Die Herausforderungen beginnen lange vor dem ersten Auftritt – oft schon vor der Eingangstür des Theaters. Wie gelangt ein Künstler im Rollstuhl überhaupt ins Gebäude? Welche infrastrukturellen Hemmnisse bestehen? Hinzu kommen rechtliche Fragen: Der Status von Arbeitnehmer*innen mit Behinderung passt nur bedingt zu den meist befristeten Beschäftigungsverhältnissen in der Kulturszene. Genau solche Hürden rückt das Festival ins Licht und sucht nach Wegen, sie zu überwinden.
Wieviel Inklusion ist möglich?
Peggy Kind ist Direktionsassistentin und koordiniert die inklusiven Projekte am Mierscher Theater. Für sie braucht es vor allem Ehrlichkeit in der Debatte: Wie viel Inklusion ist tatsächlich möglich? Denn inklusive Produktionen folgen eigenen Regeln. Sie benötigen mehr Zeit, mehr Ressourcen und intensive Vermittlungsarbeit mit dem Publikum. Wirtschaftliche Selbstläufer seien solche Projekte selten. „Die Intendanz muss zu hundert Prozent hinter dem Gedanken und der Strategie stehen. Mit halbherzigen Bekenntnissen und kurzfristigen Initiativen kommen wir nicht weiter.“
Vor der aktuellen Produktion organisierte das Theater ein Casting. Von ursprünglich 30 Interessierten stehen nun neun Mitwirkende kurz vor der Premiere. Auch die professionellen Choreograf*innen mussten sich mit eigenen Konzepten bewerben.
In der Garderobe treffen wir zunächst auf den Tänzer Steve Urbing, der uns neugierig seine Hand zur Begrüßung entgegenstreckt. Er bewegt sich mit trippelnden Schritten, seine Aussprache ist undeutlich, auf seiner Stirn erinnert eine lange Narbe an das Verkehrsunglück, das den damals 18-Jährigen für immer verändern sollte.
Nach und nach füllt sich der Raum. Die Stimmung ist fröhlich und gelöst. Florent Devlesaver steuert seinen Rollstuhl behände zwischen den Tischen durch. Seit einem Unfall mit 17 Jahren ist er querschnittsgelähmt. Erst spät, mit 26, hat er den Tanz für sich entdeckt. Die Kunst wurde für ihn zum Ventil. Beim Tanzen war er wieder Herr seines Körpers: „Auf der Bühne verschwindet mein Handicap. Dann bin ich nur noch Tänzer.“ Fernsehzuschauer kennen ihn vielleicht, weil er es bei der TV-Sendung „La France a un incroyable talent“ mit seinem Tanzpartner bis ins Finale geschafft hat. Als Choregraf und Tänzer hat er inzwischen international Karriere gemacht.

Annelise Nigon gehört seit sieben Jahren zu blanContact. Sie bewegt sich mit Gehhilfen fort, arbeitet als Juristin und tanzt in ihrer Freizeit. Mit professionellen Choreograf*innen und Tänzer*innen zu arbeiten, sei eine außergewöhnliche Chance. Sie betont aber auch den respektvollen und wohlwollenden Umgang innerhalb der Gruppe.
Nicht alle können derart autonom ihr Leben gestalten. Die Produktion „Correspondances“ wird erst durch die fünf ehrenamtlichen Begleiterinnen möglich, die den Tänzer*innen mit besonderen Bedürfnissen zur Seite stehen und sie praktisch unterstützen.
Es sei dem Mierscher Theater wichtig, dass nicht nur die Choreografie von Profis stamme, sondern auch ausgebildete Tänzer*innen bei jedem Stück mitwirkten, erklärt Peggy Kind. Auch die Musiker sind Vollprofis, das Bühnenbild stammt von der renommierten Luxemburger Künstlerin Trixi Weis. Nur so funktioniert Inklusion: Alle begegnen sich auf Augenhöhe.

Die Studentin Liz Braquet hat in der Truppe schon fast eine Sonderrolle. Sie tanzt seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gerne. Im Grunde genommen, sei dies auch die Motivation für ihre Bewerbung gewesen. Sie erzählt von den Startschwierigkeiten, die sie hatte: „Ich fühlte mich anfangs fehl am Platz und suchte nach meiner Rolle. Ich habe keine Beeinträchtigung, tanze aber auch nicht beruflich. Ich war zunächst befangen, wusste zum Beispiel nicht, wie ich mit jemandem kommuniziere, der nicht sprechen kann. Ich musste lernen, dass wir ein großes Team sind. Und dass der Ausdruck im Tanz unsere gemeinsame Sprache darstellt. Ab dem Moment konnte ich selbst wachsen.“



Damit einhergeht ein Vertrauen, in die Choreograf*innen, aber auch in die eigenen Fähigkeiten. Dafür brauche es mehr Zeit, als bei einer Produktion mit ausgebildeten Tänzern, erklärt die Choreografin Jill Crovisier. „Zunächst müssen wir gemeinsam die Lust an der Bewegung finden, eine Atmosphäre und eine Struktur schaffen, in der sich alle wiederfinden. In diesem Rahmen können sich die Tänzer schließlich entfalten.“ Dabei ginge es nicht darum, Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu schonen. „Sie müssen aus ihrer Komfortzone heraus und sich ihrem Lampenfieber stellen. Sie müssen lernen, mit Stress und der Verantwortung, die ein Engagement am Theater mit sich bringt, umzugehen“, sagt Jill Crovisier.
Professionalität ja, übertriebener Leistungsdruck nein. „Jeder Mensch trägt eine Geschichte in sich, die er in Kunst umwandeln kann“, fährt Jill Crovisier fort. „Was die Gesellschaft vielleicht als Makel sieht, wird auf der Bühne zur Stärke.“
Was wir dabei alle lernen können: In einer Welt der Selbstdarstellung und des schönen Scheins, die eigene Eitelkeit abzulegen und öfter wir selbst zu sein.
Text: Martine Hemmer, Fotos: Mierscher Theater / Bohumil Kostohryz