Wir alle erleben, wie die Zeit unaufhaltsam dahinströmt. In Kunst und Literatur ist der Fluss daher oft eine Metapher für Geschichte und Wandel. Flüsse stehen aber auch für kulturelle Begegnung und Austausch: Sie waren die ersten Verkehrsachsen und Handelsrouten, lange bevor es Straßen gab. An ihren Ufern entstanden Landwirtschaft, Mühlen, Handwerk und Industrie. Ein Fluss erzählt, wie sich die Menschen über Jahrhunderte mit ihrer Region verbunden haben.
Die Weiße Ernz wurde daher zum Leitmotiv einer Ausstellung über das Alltagsleben in den sechs Gemeinden entlang ihres Laufs. Bob Bintz, Bürgermeister der Aerenzdallgemeng, wollte die Lokalhistorie seiner Region so erzählen, dass sie für jeden greifbar wird. Sein Aufruf an die Bevölkerung: Teilt alles, was mit der Weißen Ernz zu tun hat! Fundstücke, Andenken, Haushaltsgegenstände, alte Dokumente und Fotos, Erinnerungen jeder Art! Rund 20 Leihgeber haben sich gemeldet.

Viele Kuriositäten hat Bob Bintz selbst bereits seit seiner Kindheit gesammelt: Etliche Keramikscherben, alte Pfeifenköpfe, Schienennägel, eine noch abspielbare Musik-CD, ein Smartphone-Gehäuse. „Meine Eltern brauchten mir nie einem Fußball zu kaufen. Die Felser haben genug Bälle ins Wasser geschossen“, erzählt er und lacht. Zu einem unerwarteten Fund kann es erst vor kurzem, als sein Bruder Lex die Flussböschung hinab stieg, um ein verirrtes Kalb zu retten. Er entdecke eine Granathülle aus deutscher Herstellung und den Blechnapf eines US-Soldaten mit der Aufschrift „Simon“.
Mit der Schmalspurbahn durchs Ernztal
Das Schatzsucher-Gen scheinen die Brüder von ihrem Vater geerbt zu haben, aus dessen Sammlung ein verrostetes Gerbermesser stammt, das dieser bei Erdarbeiten auf dem Familienhofgut gefunden hat. Mutmaßlich gehörte das Werkzeug ihrem Vorfahren, dem Gerber Conrad Klein. „An diesem Ort liegt der Ursprung meiner Leidenschaft für die Lokalgeschichte“, sagt Bob Bintz.
Eine alte Schiene der Schmalspurbahn, des Jhangeli, die sein Großvater einst zum Bau eines Sackaufzugs wiederverwendet hat, ist heute ist ebenfalls in der Ausstellung zu bestaunen, neben vielen Bildern und Zeichnungen, die dokumentieren wie zwischen Cruchten und Fels die Dampflok einst verkehrte.





Aufstieg und Niedergang der Industrie im Tal der Weißen Ernz nehmen einen besonderen Platz in der Ausstellung ein. Georges Ginter, einer der Nachfahren der Felser Textildynastie Ginter-Ginter war ein wichtiger Zeitzeuge. Nicht zuletzt für den halbstündigen Dokumentarfilm, der in der Ausstellung auf einem Bildschirm läuft. Der 80-Jährige schwärmt noch heute von der Qualität des „Fielser Schaffgezei“, Kittel und Hosen aus robuster Wolle, die vor allem von den Hüttenarbeitern im Süden des Landes getragen wurden. Ein weiterer Großkunde war der Luxemburger Staat, der die Uniformen für das Militär, die Post und die Eisenbahn in Fels schneidern ließ. Das Tuch für die Kleidung kam ebenfalls aus heimischer Produktion.

Georges Ginter kann sich noch daran erinnern, wie der Fluss nach dem Stofffärben bisweilen in Grün, Rot oder Blau leuchtete. Als junger Mann hat er selbst noch einige Jahre in dem 1874 gegründeten Familienbetrieb gearbeitet. Damals produzierte die Kleiderfabrik auch die sogenannten Rodeo Pants – Jeans made in Luxembourg. Als sich der Luxemburger Markt der ausländischen Konkurrenz öffnete, geriet die Firma unter Druck, bis sie 1985 die Produktion einstellte. Heute informiert das Textilmuseum in Larochette über die Glanzzeit der Textilindustrie an der Weißen Ernz.
Ein Schwarzstorch aus Tschechien
Der 27,6 km lange Fluss hat viele Menschen jahrhundertelang ernährt. Die Mühlen reihten sich wie Perlen entlang des Ufers aneinander. Doch die Weiße Ernz hat auch Unglück gebracht, etwa beim verheerenden Hochwasser 2016.
Als Natura-2000-Schutzgebiet ist die Gegend Heimat vieler Tierarten. Auch wer nicht hierhin gehört, macht trotzdem gerne hier Halt: wie der Schwarzstorch, den ein Jäger im August 2010 auf einem Feld in Ködingen entdeckte. Der Fußring des Vogels verriet, dass er aus einem Horst in der Tschechischen Republik stammte.
Verblüffendes und Amüsantes gibt es in der Ausstellung zu entdecken: Die Geschichte des Medernacher Lokalsenders M103 gleicht einem filmreifen Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein übereifriger Gendarm eine Gruppe junger Radioamateure auf dem Kieker hat, in einer Zeit als RTL noch das Sendemonopol in Luxemburg hatte. So viel sei verraten: Mit dem Mediengesetz von 1991 gab es ein Happyend für den Piratensender. Unter dem Namen R.O.M – Radio Organisation Medernach, und mit einer offiziellen Lizenz ausgestattet, hat er heute noch seine treue Hörerschaft und bekommt die Unterstützung der Gemeinde.
Kleines Budget, große Wirkung
Obwohl die Ausstellung auf nur wenigen Quadratmetern Platz findet, und als Pop-Up-Installation konzipiert ist, steckt sie voller liebevoller Details und kleiner Überraschungen. Sie zeigt vor allem, dass Kulturangebote nicht immer kostspielig sein müssen. LEADER fördert „Laanscht eis Aerenz“ als Mini-Projekt mit einem Zuschuss von 4000 Euro. Ohne den Enthusiasmus und den Einsatz von Bob Bintz, der sogar die Ausstellungmöbel selbst geschreinert hat, und die rege Teilnahme der Menschen, die zu Hause auf den Speicher gestiegen sind, in Schubladen und Kisten gefühlt haben, um vielleicht längst vergessene Erinnerungsstücke wieder hervorzuholen, wäre diese facettenreiche und kurzweilige Hommage an eine Flusslandschaft und ihre Bewohner*innen jedoch nicht möglich gewesen. Ein Projekt, das zeigt, wie LEADER der Initialfunke sein kann, für Projekte die Menschen zusammenbringen und die Region bewegen.
Text: Martine Hemmer, Fotos: Caroline Kohl und Martine Hemmer