„Wer kann sich daran noch erinnern? Vielleicht hatte eure Großmutter ja noch einen Holzherd zuhause?“ Die Älteren nicken, die Jugendlichen in der Besuchergruppe schauen etwas ungläubig. Im Landmuseum in Binsfeld wandern sie durch eine Welt, die noch gar nicht so lange vergangen ist und die doch erstaunlich weit entfernt wirkt. Werkzeuge, landwirtschaftliche Geräte, Küchenutensilien, Möbel, Kleider, ja sogar die Instrumente eines Zahnarztes erzählen vom Alltag früherer Generationen im Éislek.
Fred Huet kennt die Geschichte nahezu jeden Gegenstandes, vor allem weiß er, wie dieser den Weg in die Ausstellung gefunden hat. Bereits Anfang der 1980er Jahre war er als junger Mann dabei, als der Interessenverein Binsfeld-Holler-Breidfeld begann, Antiquitäten zu sammeln, die Dorfbewohner bei der Renovation ihrer Häuser aussortiert hatten. Daraus sollte eine Lebensaufgabe für den heute pensionierten CFL-Angestellten und Vereinsvorsitzenden werden: Das Kulturerbe der Region bewahren und es für die Öffentlichkeit zugänglich machen. „Im Éislek lebten die Menschen ganz ähnlich wie in der Eifel und den restlichen Ardennen“, betont Fred Huet. Insofern ist das Museum in Binsfeld auch für die Großregion von Bedeutung.
Wagnis Privatmuseum
1983 erwarb der Verein den Hof „A Schiewesch“, eine Schäferei aus dem 17. Jahrhundert, um einen Ort zu schaffen, an dem die stetig wachsende Sammlung ausgestellt werden konnte. Dafür musste er einen Kredit aufnehmen. „Sie können sich ja vorstellen, dass die Banken nicht begeistert waren, ein Museum zu finanzieren, das es noch gar nicht gibt“, erinnert sich Fred Huet. Von einer einzigen Bank erhielten sie schließlich die Zusage.

Der Verein restaurierte das Gebäude in Eigenregie. 1988 war die Eröffnung. Kurz danach kaufte der Verein auch das gegenüberliegende Anwesen „bei Glesener“. Nach sechs Jahren Umbau wurde 1996 die Museumserweiterung eröffnet; zugleich entstand dort eine große Ferienwohnung. Diese wurden vor drei Jahren erneut umgebaut und als Holiday Home Museum Binsfeld wiedereröffnet – eine wichtige Einnahmequelle für das Museum, das zwar mittlerweile auch vom Kultur- und vom Tourismusministerium finanziell unterstützt wird, aber wegen seiner abgelegenen Lage bis heute kein Selbstläufer ist.
Neues Konzept mit LEADER-Förderung
Im Laufe der Jahre war dem Vorstand auch klar geworden, dass die Art der Präsentation, recht zusammenhanglos Objekte zur Schau zu stellen, nicht mehr zeitgemäß war. Die Museumsbesucher erwarten heute verständlich aufbereitete Inhalte, eine klare Dramaturgie, authentische Geschichten, eine ansprechende Atmosphäre und vielfältige Möglichkeiten, Themen zu entdecken und zu erleben.
Dank der finanziellen Unterstützung von LEADER Éislek konnte der Verein die Ausstellung zwischen 2012 und 2015 von Grund auf neu gestalten. Aus der über Jahre gewachsenen Sammlung entstand mit professioneller Unterstützung eine moderne Dauerausstellung, die ausgewählte Exponate so arrangiert und mit Informationen versieht, dass der Besucher nachempfinden kann, wie die Menschen früher wohnten und arbeiteten, was sie aßen, wie sie feierten und ihren Alltag organisierten.






Am Anfang stand die Bestandsaufnahme. Rund 3000 Objekte wurden inventarisiert, geordnet und ausgewertet. Auf dieser Grundlage entwickelte das Atelier für Gestaltung Wieland Schmid aus Hattingen (D) die Themen der Ausstellung, erarbeitete das Raumkonzept und das Ausstellungsdesign und begleitete den gesamten Umbau.
Für die inhaltliche Tiefe sorgte der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Schmid. Für die mehr als 50 Themenbereiche recherchierte und sammelte er umfangreiches Text- und Bildmaterial aus der Region sowie aus den Beständen des Nationalarchivs.
Wichtig war dem Verein auch, immer wieder eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen: Wie sah Migration vor 200 Jahren aus? Wie war das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern? Welche Moralvorstellungen gab es? Themen, die oft nachdenklich stimmen oder zu Diskussionen anregen, wie Fred Huet weiß.
Was die Niederländer nach Luxemburg zog
Dass die Geschichte des Éisleks keineswegs nur eine Geschichte alteingesessener Familien ist, zeigt ein jüngerer Teil der Ausstellung. Unter dem Titel „Klompen in de Koestal“, Holzschuhe im Kuhstall, beschäftigt sich das Museum mit den niederländischen Bauernfamilien, die in den 1950er-Jahren nach Luxemburg kamen. Die Ausstellung wurde 2023 eröffnet und unter anderem mit LEADER-Mitteln kofinanziert.
In den 1950er-Jahren zog es zahlreiche niederländische Landwirte ins Großherzogtum. In ihrer dicht besiedelten Heimat waren Höfe und Ackerland knapp, während sich ihnen in Luxemburg die Chance bot, Land zu pachten und einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen. Die Zuwanderer kamen größtenteils aus den katholisch geprägten Provinzen Limburg und Nordbrabant. Sie integrierten sich schnell, indem sie am sozialen und kulturellen Dorfleben teilnahmen. „In den Niederlanden gab es in dieser Zeit bereits viele hervorragende Landwirtschaftsschulen. So brachten die Neuankömmlinge oft eine sehr gute Ausbildung mit und trugen schließlich zur Modernisierung der Luxemburger Landwirtschaft bei“, erläutert Fred Huet.

Um Zeitzeugen und Nachfahren zu treffen und Interviews zu führen, reiste er nicht nur in die Niederlande, sondern sogar bis nach Südfrankreich. Eine digitale Plattform mit Namen, Herkunfts- und Ankunftsorten sowie Familienfotos bildet das Herzstück der Recherche. Die Datenbank soll weiter wachsen und Besucher dazu anregen, die eigene Familiengeschichte zu erforschen. Erinnerungsstücke aus dem Besitz niederländischer Familien ergänzen die Ausstellung.
Gerade dieser Teil erweitert den Blick auf das, was ein Heimatmuseum sein kann. Es geht nicht allein darum, Objekte zu bewahren. Es geht um Menschen, um gesellschaftliche Veränderungen und um die Frage, wie eine Region zu dem geworden ist, was sie heute ist.
Text und Fotos: Martine Hemmer