Herr Buchette, Sie sind Vorsitzender der Regional Energie Cooperative – LEADER Lëtzebuerg West . Erzählen Sie uns, wie alles angefangen hat!
Die Idee einer regionalen Energiekooperative ist in einer von LEADER Zentrum Westen initiierten Arbeitsgruppe der kommunalen Klimaberater entstanden. Der Anspruch war, die Bevölkerung auf dem Weg zur Energiewende mitzunehmen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien sollte nicht der Gewinnmaximierung, sondern dem Gemeinwohl dienen. 2019 gründeten wir die Genossenschaft. Der Energiepark Réiden wurde unser Partner und begleitet uns seitdem mit technischen Know-how bei der Umsetzung unserer Projekte.
Wie reagierten die Menschen in der Region?
Begeistert! Wir hatten gleich bei der ersten Informationsversammlung großen Zulauf und konnten sofort Mitglieder gewinnen. Bei ihrem ersten Aufruf zur Kapitalaufnahme mobilisierte die Genossenschaft 400.000 Euro. Schließlich investierten die Bürgerinnen und Bürger insgesamt rund eine Million Euro.
Sie brauchten aber auch Flächen, um Solarzellen zu installieren…
Genau. Wir hatten schnell die ersten LEADER-Gemeinden mit an Bord, die uns Dächer von kommunalen Gebäuden zur Verfügung stellten, angefangen mit der Gemeinde Helperknapp, wo wir die erste Fotovoltaik-Anlage auf den Dächern des technischen Dienstes und des CGDIS’ in Tüntingen anbrachten. Heute besitzt die Kooperative 12 Fotovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden, die zusammen über eine installierte Leistung von 1,21558 Megawatt peak verfügen. Das ist schon beträchtlich!
Wieviel Haushalte können damit versorgt werden?
Mit einer installierten Leistung von 1,2 Megawatt peak produzieren die Anlagen jährlich ca. 865.000 Kilowattstunden Strom. Das entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch von rund 216 Haushalten mit einem Durchschnittsverbrauch von 4.000 kWh pro Jahr.



Gab es auch skeptische Stimmen?
Auf der ersten Versammlung waren auch Personen, die sofort nach der Rendite gefragt haben. Wir haben stets mit offenen Karten gespielt: Reich wird man bei uns nicht! Der finanzielle Gewinn beziffert sich zurzeit auf 100.000 Euro jährlich. Größtenteils wird dieses Geld in neue Projekte reinvestiert.
Was motiviert die Menschen mitzumachen?
Was für die Mitglieder der Genossenschaft zählt ist der Beitrag zum Klimaschutz und zu einer nachhaltigen Energiewende. Aber auch die Autonomie, die sie dadurch zurückgewinnen. Wenn Bürger gemeinsam investieren, bleibt die Wertschöpfung vor Ort, die Gewinne fließen nicht weg, und die Akzeptanz und das Vertrauen in die Projekte sind viel größer.
Und nicht jeder hat die Möglichkeit, Solarpanels bei sich zu Hause zu installieren. So haben wir ein Mitglied, das in einem Mehrfamilienhaus lebt, wo keine Fotovoltaik-Anlage installiert werden kann. Er möchte aber den Strom für sein E-Auto selbst produzieren. Er hat so viele Anteile an der Genossenschaft gekauft, wie es theoretisch bedarf, um seinen Wagen mit Strom zu versorgen!
Wie funktioniert eine Energiekooperative konkret?
Über die Zeichnung von Genossenschaftsanteilen können sich Bürgerinnen und Bürger an der Finanzierung von Anlagen zur Gewinnung von erneuerbaren Energien beteiligen. Sie werden selbst zum Akteur im Energiesektor. Die Kooperative gehört allen Mitgliedern und wird auch gemeinschaftlich geführt. Zentrales Prinzip ist dabei die demokratische Mitbestimmung: Jedes Mitglied verfügt über eine Stimme – unabhängig davon, wie viele Anteile es gezeichnet hat.
Erwirtschaftete Gewinne werden entweder fair an die Mitglieder verteilt oder gezielt in neue Projekte investiert. Werte wie Zusammenhalt, Transparenz und Fairness stehen dabei im Vordergrund. Unsere Energiekooperative agiert ausschließlich in ihrer Region und setzt auf lokale Verankerung und kurze Entscheidungswege.
Muss ich, um Anteile zu zeichnen, in der Region wohnen?
Nein, nicht unbedingt. Wir wollten auch die Möglichkeit geben, etwa in der Familie Anteile zu verschenken.
Wieviel kostet denn ein Anteil?
Zurzeit 100 Euro.

„Unser größter Erfolg ist, dass die erneuerbaren Energien in der Region heute eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn die Gemeinden einen Neubau planen, ist die Photovoltaik von Anfang an Teil des Projekts.“
Ed buchette, Vorsitzender und MitBeGründer Der ENERGIEKOOPERATIVE
Und wie sieht die Zukunft der regionalen Energiekooperative aus?
Wir möchten die Energiekooperative weiterentwickeln und Schritt für Schritt ausbauen. Derzeit analysiert der Energiepark Réiden die Gebäude jener Gemeinden, die neu bei LEADER Zentrum Westen dabei sind. Parallel dazu schauen wir uns in allen Gemeinden die Fassaden an und prüfen zusätzlich, wo Gründächer sinnvoll umgesetzt werden könnten. Wir werden dabei auch von der LEADER-Arbeitsgruppe der Klimaberater unterstützt.
Gleichzeitig denken wir über Photovoltaik hinaus und nehmen auch andere Formen erneuerbarer Energien in den Blick, etwa Wärme oder Wind.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Frage, wie Strom in der Nachbarschaft geteilt werden kann. Das ist seit der Einführung sogenannter Energiegemeinschaften möglich. Dabei schließen sich Privatpersonen, Unternehmen oder öffentliche Akteure zusammen, um vor Ort erneuerbare Energie zu produzieren und zu teilen. Der Strom wird auf der kürzesten Distanz verwertet. Das ermöglicht rentabler zu sein. Durch kollektive Nutzung wird Überschussproduktion minimiert und Eigenverbrauchsquoten erhöht.
Wenn Sie die Entwicklung der Energiekooperative Revue passieren lassen, was macht Sie heute am meisten stolz?
Unser größter Erfolg ist, dass die erneuerbaren Energien in der Region heute eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn die Gemeinden einen Neubau planen, ist die Photovoltaik von Anfang an Teil des Projekts.
Dieser Wandel ist vor allem dem Engagement unserer Mitglieder zu verdanken. Menschen aus der Region, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Energie eingebracht haben, weil sie an eine nachhaltige Zukunft glauben. Genau darin liegt die Stärke einer Genossenschaft: Viele Einzelne schließen sich zusammen und werden gemeinsam gehört.
Diese kollektive Stimme hat etwas bewegt, politisch, aber auch ganz konkret im Alltag. Erneuerbare Energien wurden gesellschaftsfähig. Förderprogramme stehen heute auch privaten Haushalten offen, die in erneuerbare Energien investieren möchten. Und weil immer mehr Menschen mitmachen, sind die Anlagen erschwinglicher geworden. Aus einer Idee ist eine Bewegung gewachsen, das freut mich am meisten!
Interview: Martine Hemmer, Fotos: Martine Hemmer, LEADER Zentrum Westen