August 2026. Die Sonne brennt erbarmungslos. Und das schon seit Wochen. Die Wiesen im Tal der Attert haben ihr sattes Grün verloren, am Wegesrand steht das Gras strohgelb und trocken. Staub wirbelt über trockene Böden. Die Bäume verfärben bereits ihre Kronen und werfen Laub ab.
Mitten in dieser Landschaft, gleich hinter dem Atert-Lycée in Redingen, steht ein Gebäude, das sich mit Fragen beschäftigt, die in diesem Sommer besonders dringlich erscheinen: Wie gehen wir mit Wasser um, wenn es knapper wird? Wie lassen sich Häuser angenehm temperieren, ohne energieintensive Klimaanlagen? Und wie können wir mit weniger Ressourcen gut leben?
Das Äerdschëff wurde so konzipiert, dass es möglichst unabhängig von externer Versorgung funktioniert. So sammelt es Regenwasser in Zisternen und nutzt dies mehrfach. Strom liefern eine Photovoltaikanlage und ein Windrad. Im Garten kann Gemüse angebaut und in einem Erdkeller kühl gelagert werden. „Doch das Äerdschëff unterscheidet sich nicht nur durch seine Energie- und Wasserversorgung von einem herkömmlichen Haus. Ungewöhnlich ist bereits die Art, wie es gebaut wurde“, erklärt Sophie Pixius, Mitglied im Trägeverein des Äerdschëff.
Die spezielle Bauweise der sogenannten Earthships hat sich der US-Architekt Michael Reynolds bereits in den 1970ern ausgedacht. Die meisten Earthships stehen heute in New Mexiko, wo eine ganze Community autark lebt. In Europa sind solche Gebäude seltener. Das Äerdschëff in Redingen ist sogar das erste Earthship weltweit, das öffentlich genutzt wird.

Charakteristisch sind die natürlichen und wiederverwendeten Baumaterialien. Typisch ist vor allem die massive Nordwand aus gebrauchten, mit Erde gefüllten Autoreifen. Sie ist in einen Erdwall eingebettet. Die große Masse speichert Wärme und gleicht Temperaturschwankungen aus.
In Redingen haben zahlreiche Ehrenamtliche beim Bau dieser Wand mit angepackt. Heute lässt sich ihre innere Struktur durch ein kleines Sichtfenster im großen Versammlungsraum erkennen. Kurz über der Fußbodenleiste sieht man ein weiteres Element des Low-Tech-Konzepts: der Ausgang der natürlichen Belüftung. Das Äerdschëff führt Außenluft durch lange Rohre, die im Erdreich verlaufen. Auf ihrem Weg ins Gebäude kühlt die heiße Sommerluft ab. Gleichzeitig steigt warme Luft im Inneren nach oben und entweicht über Lüftungsöffnungen.
Die verglaste Südfassade fängt im Winter die tiefstehende Sonne ein und bringt Wärme ins Gebäude. Im Sommer steht die Sonne höher. Die Ausrichtung der Fassade und Dachüberstände sorgen dann dafür, dass deutlich weniger direkte Sonnenstrahlung in das Gebäude gelangt. Gemeinsam mit der großen Speichermasse und der natürlichen Belüftung hilft das, die Innenräume auch an heißen Tagen vergleichsweise kühl zu halten.
Einfach, aber genial
Genial einfach, denkt man bei der Besichtigung. Es ist die Kunst, mit weniger mehr zu erreichen. Dies ist eines der Grundprinzipien des Äerdschëffs, die der Trägerverein auch in vielen Workshops und Weiterbildungen vermitteln möchte.





Das Äerdschëff will kein ökologisches Musterhaus sein, das fertige Lösungen liefert. Vielmehr ist es ein begehbares Lernlabor: ein Ort, an dem ausprobiert, beobachtet und sich über Nachhaltigkeit ausgetauscht wird.
Von Anbeginn hat LEADER das Projekt unterstützt. Wie so oft war LEADER „Geburtshelfer“, in dem es ab 2014 die Konzeption, die partizipative Baustelle sowie Workshops, Fortbildungen und Sensibilisierungskampagnen förderte. Möglich wurde der Bau durch die Finanzierung des Luxemburger Staates, der auch Eigentümer des Gebäudes ist.
Eine positive Vision
Der Verein hinter dem Projekt vertritt ein partizipatives Gesellschaftsmodell, indem alle Menschen gleichberechtigt die Zukunft mitgestalten. Seine Angebote richten sich an Menschen, die angesichts der Klimakrise weder in Angst erstarren noch resignieren wollen, sondern nach Handlungsmöglichkeiten suchen. An Menschen, für die es vielleicht schon fünf vor zwölf ist, aber noch nicht zu spät. „Wir wollen Menschen zusammenbringen, um eine positive Vision mit ihnen zu entwickeln. Ständig Untergangsszenarien heraufzubeschwören bringt niemanden weiter“, so Sophie Pixius.
Derzeit findet ebenfalls im Rahmen eines LEADER-Projektes eine Veranstaltungsreihe statt, die das Publikum kreativ und spielerisch einbindet. Aber auch klassischere Formate wie Theateraufführungen, Filmabende und Gesellschaftsspiele sollen die lokale Bevölkerung ins Äerdschëff locken. Auch informiert der Verein über innovative, umweltfreundliche Mobilität, wie etwa das Karbike, ein Hybrid zwischen elektrischem Fahrrad und PKW.


„Wir wollen das Äerdschëff stärker in der Region verankern“, betont Sophie Pixius. Das aktuelle LEADER-Projekt habe daher auch als Ziel, seine Bekanntheit zu steigern: „Leider haben viele Menschen noch nie von uns gehört.“
Mit seinen Schulungen, Workshops und Mitmach-Projekten begleitet der Verein alle, die einen nachhaltigen Lebensstil anstreben, klimatische und soziale Herausforderungen verstehen und ihre ökologische Autonomie entwickeln möchten. Nach dem Motto: Jede Geste zählt, jedes vermittelte Wissen trägt zur Wende bei.
Die wichtigste Botschaft lautet deshalb nicht, dass wir künftig alle in Earthships leben sollten. Vielmehr ist die ökologische Transformation eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir gemeinsam gestalten müssen. Denn Nachhaltigkeit bedeutet mehr, als eine Technik durch eine andere zu ersetzen.
Text: Martine Hemmer, Fotos: Martine Hemmer, Äerdschëff asbl.