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Michel Lucius machte die Welt unter unseren Füßen sichtbar

Juli 2026
Er war Dorflehrer, Erdölprospektor im Kaukasus, Berater der jungen Türkei und Chef-Geologe des Luxemburger Staats. Michel Lucius führte ein Leben, das größer war als sein bescheidenes Geburtshaus in Reimberg erahnen lässt. Ein neuer Verein will das Michel-Lucius-Museum mit der Unterstützung von LEADER Wëlle Westen bekannter machen.

Michel Lucius hätte sich in dieser Runde vermutlich wohlgefühlt. Um den pensionierten Ingenieur Jos Bormann hat sich eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger zusammengefunden, die das Museum im Geburtshaus des Luxemburger Geologen in Reimberg neu beleben will. Dafür haben sie einen Verein gegründet, „Les Amis du Musée Michel Lucius“.

„In einer Zeit, in der viele Vereine Nachwuchsprobleme haben, ist eine solche Neugründung natürlich eine gute Nachricht“, sagt Jos Bormann. Für ihn persönlich bedeutet sie noch mehr: Endlich hat er die Mitstreiter und Mitstreiterinnen gefunden, auf die er lange gehofft hatte.

Seit vielen Jahren bietet Jos Bormann Führungen durch das Museum an. Seinem ehrenamtlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass das Haus nicht völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Nun erhält er Unterstützung durch das LEADER-Projekt „Geschichteland: Muséeën am Wëlle Westen“. Das Projekt zur Kulturförderung in der Region ist auf die zahlreichen Museen ausgerichtet, soll diese miteinander vernetzen, neue Aktivitäten anstoßen und durch eine professionelle Kommunikation bekannter machen. Auch das Geburtshaus von Michel Lucius erhält dadurch einen festen Platz auf der kulturellen Landkarte der Region.

Wer das Museum betritt, erkennt rasch, welches Potenzial in ihm steckt. Das sorgfältig restaurierte Bauernhaus ist ein eindrucksvolles Zeugnis dörflicher Architektur. Schautafeln und Vitrinen erzählen von einem außergewöhnlichen Leben. Die Ausstellung ist überschaubar, aber sorgfältig gestaltet.

Anfang der 1990er Jahre hatte der Luxemburger Staat das Gebäude mitten im beschaulichen Reimberg erworben. „Zuvor wurde es noch als private Wohnung genutzt, war aber in einem sehr schlechten Zustand“, erzählt Bormann. Lange blieb unklar, welche Bestimmung das Haus erhalten sollte.

Auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Emile Calmes gründeten Geologen und persönliche Weggefährten von Michel Lucius 2001 schließlich das „Institut Géologique Michel Lucius“. Der Verein organisierte Vorträge, Fachkonferenzen und wissenschaftliche Exkursionen. 2005 wurde das renovierte Gebäude als Museum eröffnet. Doch mit den Jahren wurde es stiller um den Verein. Am Ende war es vor allem Jos Bormann, der dafür sorgte, dass das Haus wenigstens einmal im Monat zugänglich blieb. Bis heute öffnet es jeweils am ersten Sonntag seine Türen. Geführte Besichtigungen sind nach Absprache auch an anderen Tagen möglich.

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Über eine steile Treppe gelangt man in die ehemalige Küche mit ihrer alten Feuerstelle. Rechts davon liegt die kleine Wohnstube. Wo sich einst das Familienleben abspielte, zeichnet die Ausstellung heute den Weg jenes Mannes nach, der als Vater der Luxemburger Geologie gilt.

Michel Lucius wurde am 9. Dezember 1876 geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete im Steinbruch von Mertzig. Vielleicht wurde dort die Neugier des Jungen auf Gesteine und Erdschichten geweckt. Doch nichts deutete darauf hin, dass in dem kleinen Bauernhaus in Reimberg ein Leben begann, wie es ein Roman kaum spannender erzählen könnte.

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Zunächst wurde Michel Lucius Dorflehrer. „Für ein Studium im Ausland musste er erst Geld sparen“, erklärt Jos Bormann. 1902 ging er dann für zwei Semester an die Pariser Sorbonne, kehrte danach jedoch nach Luxemburg zurück. Erst 1910 konnte er sein Geologie-Studium an der Universität Zürich fortsetzen. Er schloss es mit einer Doktorarbeit über die Tektonik des Devons im Großherzogtum Luxemburg ab.

Die wissenschaftliche Qualifikation öffnete ihm in seiner Heimat jedoch keineswegs alle Türen. Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz arbeitete Lucius zunächst wieder als Lehrer. Einen ersten geologischen Auftrag erhielt er in Bad Mondorf, wo er die Bohrung der Marie-Adelheid-Quelle überwachte.

Ein Leben wie aus den Karl-May-Roman

Wenig später nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Lucius trat eine Stelle bei einer Erdölgesellschaft in Baku am Kaspischen Meer an. Später arbeitete er in Grosny. Kurz nach seiner Ankunft begann der Erste Weltkrieg, der eine Rückkehr nach Westeuropa zunehmend erschwerte.

Nach der Revolution von 1917 erlebte Lucius die Umwälzungen der russischen Geschichte aus nächster Nähe. Im Kaukasus entbrannten Kämpfe um die Kontrolle über die strategisch bedeutenden Erdölgebiete. Lucius wurde Zeuge bewaffneter Auseinandersetzungen und einer gewaltsamen Neuordnung der Region. Der Erdölbetrieb, für den er arbeitete, wurde unter sowjetische Verwaltung gestellt. Später schilderte er seine Erlebnisse in der Artikelserie „Was ich in Sowjetrussland erlebte“, die im „Tageblatt“ erschien. Michel Lucius kehrte krank und mittellos nach Luxemburg zurück.

Offenbar erholte er sich rasch, denn noch im selben Jahr beauftragte ihn die Stadt Esch/Alzette damit, die Wasserversorgung für die kommenden Jahrzehnte zu untersuchen. Geologie war für Lucius nicht nur akademische Forschung, sondern praktische Landeskenntnis und eine Grundlage für politische Entscheidungen.

1924 wurde Lucius geologischer Berater der jungen Republik Türkei. Er sollte Vorkommen von Erdöl, Kohle und Metallerzen aufspüren. Historische Berichte beschreiben ihn als unermüdlichen Feldforscher. Mit einem kleinen Team zog er auf Lasttieren durch das unwegsame Anatolien. Tagsüber arbeitete er in großer Hitze, nachts schlief er im Zelt. In Ankara unterrichtete er an der Universität.

Obwohl er in der Türkei hohes Ansehen genoss, kehrte Michel Lucius 1933 nach Luxemburg zurück. Nun begann jener Abschnitt seines Lebens, der ihn in seiner Heimat dauerhaft bekannt machen sollte: die systematische geologische Erfassung des Großherzogtums. Von 1936 bis 1961 leitete er den neu geschaffenen „Service géologique de l’Etat “.

Vieles, was Besucher und Besucherinnen im zweiten Teil der Museumsausstellung erfahren, fußt auf den Arbeiten aus dieser Zeit: Hier geht es um Gesteinsschichten, Tektonik und Fossilien, aber auch um die Frage, welche Bedeutung geologische Kenntnisse bis heute für den Alltag haben.

„Das Thema Trinkwasser liegt mir besonders am Herzen“, sagt Jos Bormann. Vor allem Kindern und Jugendlichen möchte er vermitteln, wie wertvoll diese Ressource ist und welchen Weg das Wasser zurücklegt, bevor es aus dem Hahn fließt.

Spaß an der Wissensvermittlung

Das geologische Wissen für seine Führungen hat sich Jos Bormann selbst angeeignet, was ihm wegen seiner wissenschaftlich-technischen Ausbildung nicht schwerfiel. Auch seine neuen Mitstreiter Karsten Küpper und Dirk Leistico, die ihn an diesem Tag durch das Museum begleiten, sind keine Fachleute. Sie verstehen sich vor allem als Vermittler. Ihr Ziel ist es, das wissenschaftliche Erbe von Michel Lucius einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und zu erklären, weshalb er bis heute zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Luxemburgs zählt. Sie stehen bereits in Kontakt mit dem „Naturmusée“, das ihnen helfen wird, die vorhandenen Dokumente zu ordnen und neues didaktisches Material zu erstellen.

Zu Michel Lucius wichtigsten Arbeiten gehört die geologische Karte des Großherzogtums. Darüber hinaus veröffentlichte er mehrere grundlegende Handbücher. Seine Tätigkeit beschränkte sich jedoch nicht auf Forschung und Kartografie. Der Staat zog ihn bei bedeutenden Infrastrukturprojekten hinzu, etwa beim Bau der Staumauern in Esch/Sauer, Vianden und Rosport sowie bei der Kanalisierung der Mosel.

Bis ins hohe Alter hielt Michel Lucius Vorträge und veröffentlichte Fachartikel. Geologie war für ihn weit mehr als ein Beruf. Seine Lebensleistung bestand darin, den Untergrund Luxemburgs für den Staat, die Gemeinden und die Öffentlichkeit lesbar zu machen.

Dass sein Geburtshaus nun wieder stärker zu einem Ort des Austauschs und des gemeinsamen Lernens werden soll, hätte ihm vermutlich gefallen. Denn in den Ruhestand ging Michel Lucius nie, weiß Jos Bormann: „Es heißt, er sei an seinem Schreibtisch in der Direktion der „Ponts et Chaussées“ gestorben – im stolzen Alter von 85 Jahren.“ Text und Fotos: Martine Hemmer

Kontakt zum Verein: Jos Bormann, E-Mail borjo@pt.lu, Tel. 621292107

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