Ein Rundgang durch die Altstadt von Grevenmacher auf den Spuren vom „Blannen Theis“? Oder doch lieber mondän durch den Kurpark in Bad Mondorf flanieren? Ich entscheide mich schließlich dafür, die Wanderschuhe zu schnüren, um mich auf den Weg ins Feuchtgebiet Haff Réimech zu machen. Das herbstlich gefärbte Laub macht Lust auf einem Abstecher in die Natur.
Wichtige Ausstattung: mein Smartphone. Nicht nur, um mich im goldenen Licht zu vor stimmungsvoller Kulisse abzulichten, sondern vor allem um den Erklärungen der Natur- und Vogelkenner aus dem Naturschutzzentrum Biodiversum zu lauschen. Die begleiten mich nämlich auf meiner Entdeckungstour um die Baggerweiher. Allerdings nicht persönlich, sondern in Hörgeschichten, die ich bequem über eine App aufrufen kann. Die auf Audioguides spezialisiert Firma Lauschtour hat im Auftrag von Visit Mosel sieben geführte Rundgänge in der Region Miselerland produziert. LEADER hat das Projekt kofinanziert. Besonders charmant: Nicht nur professionelle Sprecher kommen zu Wort, sondern auch Menschen aus der Region. Die Beiträge klingen wie Live-Reportagen im Radio.
An diesem Donnerstagmorgen liegt über den vielen Wasserflächen eine friedliche Stille, nur eine Gruppe Angler unterhält sich leise an einem der privaten Stege. Beste Bedingungen, um den gefiederten Hauptbewohnern aufzuspüren: den seltenen Vogelarten, die hier einzigartige Lebensbedingungen finden. Ich habe meine Kopfhörer dabei. Aber macht das mitten in der Natur eigentlich Sinn, sich akustisch abzuschotten, zumal es auch darum geht Vogelstimmen zu erkennen?

Smartphone als dezenter Begleiter
Die App versteht sich nicht als akustische Dauerbeschallung. An verschiedenen Lauschpunkten lerne ich einiges über die biologische Vielfalt und höre spannende Anekdoten. Das Smartphone kann ich dabei einfach ans Ohr halten. Zwischen den einzelnen Stationen bleibt es still, und ich kann gemütlich bis zum nächsten Punkt spazieren. Hat man das GPS eingeschaltet, beginnt die nächste Erklärung automatisch, sobald man den entsprechenden Ort erreicht hat.
Los geht’s vor dem Naturschutzzentrum Biodiversum, wo zunächst ein Abstecher in die zeitgenössische Architektur wartet. Das Gebäude des Luxemburger Architekten François Valentiny, der gebürtig aus Remerschen stammt, erinnert an den umgedrehten Rumpf eines Bootes oder an ein Langhaus aus der Keltenzeit. Beides passt ganz hervorragend in den natürlichen Kontext. Und obwohl die Sonne alles hell erleuchtet, fügt sich der Bau mit seiner naturbelassenen Holzfassade harmonisch in die Landschaft ein. Der verglaste Giebel reflektiert den Weiher. Auch interessant: Die Heizung des Gebäudes nutzt die im Wasser gespeicherte Wärme. Edelstahlrohre auf dem Grund des Weihers sind an eine Wärmepumpe angeschlossen. Obwohl die App mich nun nach rechts ins Unterholz schickt, werfe ich einen Blick ins Innere des Naturschutzzentrums. Tatsächlich fühlt man sich ein bisschen wie in einem Schiffsbauch, und die Ausstellung merke ich mir für einen meiner nächsten Ausflüge an die Mosel vor.
Vom Tagebau zum Naturparadies
Jetzt aber, raus in die Natur! Die App schickt mich über einen Kiesweg, wo ich mehr über die Geologie des Ortes erfahre. Die Mosel schwemmt seit Millionen Jahren Kies und Sand aus den Vogesen in die Region. Die Sedimente wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte zu einem begehrten und heute knappen Baustoff. Als der Abbau in der Mosel aufgrund der Kanalisierung nicht mehr möglich war, musste die Industrie auf andere Flächen ausweichen. So entstanden die Baggerweiher. So wildromantisch wie die Landschaft auch wirkt, sie ist menschengemacht. Umso erstaunlicher, wie schnell die Natur solche Räume zurückerobert und sogar bedrohte Arten anzieht.
Über Holzstege geht es weiter hinein ins Schilf. Ein Lebensraum, der immer seltener wird: Achtzig Prozent der Feuchtgebiete sind in den vergangenen 40 Jahren verschwunden. Eine erschreckende Zahl.
Während heimische Arten um jeden Lebensraum ringen, fühlen sich sogenannte invasive Arten hier richtig wohl, darunter die aus Nord- und Mittelamerika stammende Rotwangenschmuckschildkröten. Sie wurden von ihren Vorbesitzern illegal ausgesetzt und haben sich in der freien Wildbahn munter vermehrt. Anderen Arten schaden sie, weil sie Fischlaich, Molche und Frösche fressen.

Rastplatz für Zugvögel
Ich folge dem Steg weiter, in der Hoffnung, die Rohrdommel zu entdecken. Kommt ihr jemand zu nahe, erstarrt sie in der „Pfahlstellung“ und verschmilzt optisch mit dem Röhricht. Ein perfektes Tarnmanöver, das Energie spart – lebenswichtig in kalten Monaten.
Haff Réimech ist auch bekannt als Rastplatz für Zugvögel. Auf den kleinen Inseln in der Mitte des Weihers können sie sich auf ihrer anstrengenden Reise verschnaufen.
Der Eisvogel ist das ganze Jahr über hier anzutreffen. Er gilt als Glücksbringer, doch ich habe Pech und es schießt kein „blauer Pfeil“ an mir vorbei, wie der Sprecher der Lausch-Tour-App ihn verheißungsvoll beschreibt.
Ein Biologe erzählt mir in der nächsten Sequenz voller Begeisterung, wie sehr er sich jedes Mal freue, wenn er von einer Mücke gestochen wird. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, gehöre ich doch zu jenen Menschen, deren Blut den kleinen Vampiren besonders schmeckt. Der Biologe jedoch versteht seine Blutspende als Beitrag zum Artenschutz: Vögel fressen Insekten, und damit die Mückenweibchen Eier legen können, brauchen sie die im Blut enthaltenen Proteine und Eisen.




Natürlicher Hochwasserschutz
Im Erlenbruch-Wald, wo flache Pfützen ideale Brutplätze bieten, sei daher das Mückenparadies. Trotz meiner neu gewonnen Verständnis für die Blutsauger, bin ich froh, dass ihre Saison bereits vorbei ist. Ich könnte mir vorstellen, dass im Sommer manch einer Besucher hier wild um sich schlägt, um ihren Angriff abzuwehren.
Als Hobbygärtnerin weiß ich, dass die meisten Pflanzen nicht gerne mit den Wurzeln im Wasser stehen. Hier im Erlenbruch-Wald ist das anders: die Bäume sind auf Überschwemmungsgebiete spezialisiert. In Zeiten des Klimawandels sind diese Art der Feuchtgebiete besonders wertvoll, denn ihre Wasserspeicherfähigkeit ist sehr hoch. Sie vermeiden, dass bei Starkregen oder Hochwasser in den Dörfern die Häuserkeller volllaufen.

Fazit: Die von LEADER finanzierte Lauschtour durchs „Haff Réimech“ ist zum einen eine geführte Safari in heimischen Gefilden, zum andern sensibilisiert sie mit den kurzweiligen Audio-Beiträgen für die auch für den Menschen überlebenswichtige Biodiversität. Selbst wer nicht die Geduld hat, sich stundenlang auf die Lauer zu legen, um seltene Vogelarten zu sichten, verlässt die Baggerweiher mit einem neuen Verständnis für das perfekte, wenn auch fragile ökologische Gleichgewicht der Feuchtgebiete.
Text und Fotos: Martine Hemmer